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Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

24. Juli 2016

Europäische Sumpfschildkröte

Kleines Tier mit großem Verbreitungsgebiet


Sumpfschildkröte im Museumsgarten
Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige heimische Schildkrötenart – und zugleich der einzige Vertreter der Schildkröten in Mittel- und Nordeuropa. Außer in weiten Teilen Europas findet man sie auch in Nordafrika sowie in Asien bis zum Aralsee. In diesem enorm großen Verbreitungsgebiet kommt sie mit insgesamt 14 Unterarten vor, die sich in Aussehen und Größe geringfügig voneinander unterscheiden. Die österreichische Population wird der Nominatform (also der Unterart Emys orbicularis orbicularis) zugeordnet. Sie ist in unserem Bundesgebiet allerdings nicht häufig. Generell existieren im nördlichen Zentraleuropa und im Alpenraum große Verbreitungslücken. In Österreich werden nur die Vorkommen in den March- und Donauauen östlich von Wien als autochton eingestuft. Das bedeutet: Nur dort kann das Auftreten der Sumpfschildkröte als natürlich bezeichnet werden. Die Tiere leben seit langem und ohne menschliche Eingriffe in diesem Gebiet, weshalb diese Populationen auch ganz besonders wertvoll sind. Alle anderen österreichischen Vorkommen gehen auf Aussetzungen gebietsfremder Exemplare durch den Menschen zurück.

Unscheinbar und schwer zu entdecken

Die Europäische Sumpfschildkröte ist eine kleine bis mittelgroße Schildkröte. Für gewöhnlich erreichen erwachsene Tiere eine Panzerlänge von knapp 20 Zentimetern. Die Weibchen sind deutlich größer und mit einem Gewicht von etwa einem Kilogramm auch schwerer als die Männchen. Der Rückenpanzer ist oval und nur mäßig gewölbt (bei den Weibchen etwas stärker als bei den Männchen). Genau wie die Haut ist er dunkelbraun bis schwarz gefärbt. Auf Panzer und Haut lässt sich außerdem eine unterschiedlich große Zahl von kleinen, gelben Tupfen und Sprenkeln erkennen. Diesen verdankt die Europäische Sumpfschildkröte ihren wissenschaftliche Artnamen Emys orbicularis (lat. orbicularis = „kreisrund"; d.h. mit kleinen Kreisen). Die Färbung des Bauchpanzers ist sehr variabel und reicht von gelb bis schwarz. Während die Haut von Hals und Kopf glatt ist, sind die Gliedmaßen und der lange Schwanz von Schuppen bedeckt. Zwischen den mit Krallen versehenen Zehen – fünf an den Vorder- und vier an den Hinterbeinen – sind Schwimmhäute aufgespannt. Die Geschlechter lassen sich rein äußerlich gut voneinander unterscheiden. Während die Männchen eine orangerote Iris besitzen, sind die Augen der Weibchen gelb gefärbt. Allerdings sind Europäische Sumpfschildkröten für gewöhnlich nicht leicht zu entdecken. Nicht nur ihre Farbe ist wenig auffällig; die Tiere halten sich zudem bevorzugt am und im Wasser auf. Gelegentlich bekommt man Sumpfschildkröten jedoch zu Gesicht, wenn sie am Ufer oder auf einem im Wasser liegenden Baumstamm ein Sonnenbad nehmen.

Meist im Wasser, selten an Land

Man findet die Europäische Sumpfschildkröte an den verschiedensten Süßwasserlebensräumen: an Seen, Teichen und Tümpeln ebenso wie an den Altarmen größerer Flüsse. Besonders beliebt sind nährstoffreiche Gewässer mit dichtem Pflanzenbewuchs und schlammigem Grund. Den größten Teil des Tages verbringt die Sumpfschildkröte mit der Nahrungssuche im Wasser. Sie ist nicht wählerisch, was ihre Ernährung betrifft. Auf ihrem Speiseplan steht so ziemlich alles, was sie zu überwältigen vermag: Insekten, Würmer und Schnecken ebenso wie Amphibien und kleine Fische. Im Falle von Nahrungsknappheit werden auch Wasserpflanzen wie zum Beispiel verschiedene Algen oder Wasserlinsen verspeist. Gelegentlich gehen Sumpfschildkröten sogar an Land auf Nahrungssuche. Gefressen wird die Beute allerdings stets im Wasser, denn die Schildkröte kann an Land nicht schlucken. Während der kalten Jahreszeit fallen die Tiere in eine sogenannte Kältestarre. Meist verbringen sie den Winter unter Wasser, im Schlamm vergraben. (Dort überleben sie monatelang ohne einen einzigen Atemzug!) Seltener überwintern sie auch an frostfreien Stellen an Land.

Trockene Kinderstube

Die Paarung der Europäischen Sumpfschildkröte findet bevorzugt im Wasser statt. In unseren Breiten folgt die Paarungszeit unmittelbar auf die Winterruhe. Die Eiablage kann man dann zwischen Ende Mai und Anfang Juli beobachten. Dazu begeben sich die Weibchen an Land; oft legen sie auf der Suche nach einem geeigneten Platz beachtliche Strecken zurück. Warme, sonnenbeschienene Hänge, Böschungen und Waldränder werden als Eiablageplätze bevorzugt. Die Tiere graben mit den Hinterbeinen eine etwa faustgroße Grube in den trockenen, sandigen Grund. Ist der Boden zu hart, weichen Sumpfschildkröten ihn mit Wasser auf, das sie extra zu diesem Zweck in ihrer Harnblase transportieren. Ist die Mulde fertig, werden etwa zehn bis fünfzehn Eier abgelegt. Danach wird das Nest sorgfältig wieder verschlossen. Die Entwicklung der Jungen hängt nun von der Umgebungstemperatur ab und dauert zwischen 80 und 120 Tagen. Irgendwann zwischen Spätsommer und Herbst schlüpfen die jungen Sumpfschildkröten. Sie verlassen dann das Nest und suchen umgehend das nächstgelegene Gewässer auf. Bisweilen überwintern sie aber auch in der Nisthöhle. Bis sie selbst geschlechtsreif werden und sich fortpflanzen, vergehen viele Jahre (im Durchschnitt rund zehn!). Europäische Sumpfschildkröten können ein stattliches Alter von bis zu 60 Jahren erreichen.

Baby-Schildkröte, NÖ Museum Betriebs Gmbh,
Foto: Andreas Giesswein

Lebensraumverlust und unerwünschte Neuzugänge

Die Europäische Sumpfschildkröte hat zahlreiche Feinde. Ihre Gelege werden häufig von Mardern, Füchsen, Dachsen oder Wildschweinen geplündert. Schlüpflinge und Jungtiere fallen Greifvögeln, aber auch Katzen und Hunden zum Opfer. Im Wasser sind es dann Raubfische wie Hecht und Wels, die den jungen Schildkröten gefährlich werden können. Dies ist jedoch nicht der Grund, warum die Bestände der Sumpfschildkröte in jüngster Vergangenheit stark abgenommen haben. Das besorgniserregende Schwinden der Populationen liegt vielmehr an den massiven, durch den Menschen herbeigeführten Veränderungen. Anders als früher werden die Tiere heute zwar nicht mehr direkt verfolgt. (Einst waren Sumpfschildkröten nämlich eine begehrte Fastenspeise; sie wurden in großen Mengen gefangen und verzehrt.) Heute leiden sie massiv unter dem Verlust von geeignetem Lebensraum. Dazu kommt die Bedrohung durch eingeschleppte, gebietsfremde Arten: Importierte Schmuckschildkröten zum Beispiel sind vergleichsweise konkurrenzstark und setzen sich gegen die heimischen Sumpfschildkröten im Kampf um Nahrung und Sonnenplätze durch. Nicht verwunderlich also, dass die Europäische Sumpfschildkröte auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Österreichs mittlerweile unter der Kategorie „vom Aussterben bedroht“ geführt wird. Schutzprojekte wie etwa im Nationalpark Donauauen sind für den Erhalt unserer einzigen heimischen Schildkrötenart daher von größter Wichtigkeit.

Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

5. Juli 2016

ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH Krems ELISABETH VON SAMSONOW. TRANSPLANTS


05/06 – 16/10/2016

Mit der am 4. Juni 2016 eröffneten Ausstellung "Elisabeth von Samsonow. Transplants" zeigt die Zeit Kunst Niederösterreich nun auch am Standort Krems ihre letzte Schau. Die 1956 in Neubeuern, Oberbayern, geborene Philosophin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow lotet in ihren Werken die Grenzen des Ich und die Grenzen der Skulptur aus und setzt dazu ihre philosophischen Ideen in sinnlich erfahrbare dreidimensionale Kunstwerke um.
Ausstellungsansicht "Elisabeth von Samsonow", Foto: Christoph Fuchs
Betritt der Besucher der von Felicitas Thun-Hohenstein kuratierten Ausstellung den mittelalterlichen Bau der Dominikanerkirche, so sieht er sich Skulpturengruppen aus Holz gegenüber, die von geschwungenen eisernen Paravents hinterfangen werden. Gekonnt lenkt so Carl Pruscha, der für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich zeichnet, Auge und Ohr hin zum Chor. Bringt doch Elisabeth von Samsonow mit ihrer eigens für die Schau geschaffenen Installation Labor des Endo-/Exokorpus vom Chor ausgehend den gesamten Raum zum Schwingen. Die Installation besteht aus fast fünf Meter hohen bemalten Holzstegen, an denen Klaviersaiten automatisch angestimmt werden. Genauso wie das Ich wirkt für die Künstlerin auch die Skulptur über ihre Grenzen hinaus. Ihre Werke zum Klingen zu bringen ist für sie eine Möglichkeit, dies auszudrücken. Dabei versteht Elisabeth von Samsonow die Dominikanerkirche mit ihrem langgestreckten Chor als Klangkörper, als eine Mandoline.

Ausstellungsansicht "Elisabeth von Samsonow",
Foto: Christoph Fuchs

Elisabeth von Samsonow, Foto: Daniel Hinterramskogler

Die Künstlerin, die seit 1996 eine Ordentliche Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien innehat und ein Atelier in Hadres betreibt, arbeitet bevorzugt in Lindenholz, einem hellen Material, das sie mit dem Eisenmeißel bearbeitet, welchen sie selbst als hart und brutal erachtet. Das sanfte, weiche Haar des Pinsels, mit dem sie die Skulpturen danach bemalt, wirkt dagegen wie eine Liebkosung. Gegenüber einer kleineren Auswahl älterer Arbeiten wie der Kapitolinischen Wölfin von 1998 und dem Schrein des Tieres aus dem darauffolgenden Jahr sind vor allem jüngere Werke in der Ausstellung vertreten, die sich durch eine leichtere, zeichnerisch aufgefasste Bemalung von den früheren Skulpturen abheben. In den Transplants der Jahre 2011 bis 2014, die der Ausstellung zugleich ihren Namen geben, verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Pflanze. Sie erscheinen als menschliche Wesen, die fest im Boden verwurzelt sind und Blütenblätter als Ohren tragen. Dabei ist die Frage, ob eine Skulptur sich bewegen kann, für Elisabeth von Samsonow von zentraler Bedeutung. So gibt sie manchen ihrer Skulpturen wie dem Duo (große Neuberger Lyra) von 2014 Räder. Durch ihre Mobilität erscheinen diese der Künstlerin menschenähnlicher.

Ausstellungsansicht "Elisabeth von Samsonow",
Foto: Christoph Fuchs

Ausstellungsansicht "Elisabeth von Samsonow", Foto: Christoph Fuchs

Ausstellungsansicht "Elisabeth von Samsonow", Foto: Christoph Fuchs
Die Elektra aus dem Jahr 2010 hebt sich durch ihre Vergoldung von den anderen Skulpturen ab. Zugleich steht sie programmatisch für den weiblichen Blick der Künstlerin. Elisabeth von Samsonow leistet mit ihren Arbeiten, in denen sie sich intensiv mit Fragen von Weiblichkeit befasst und einen feministischen Ansatz vertritt, einen wichtigen Beitrag zum zeitgenössischen Diskurs über Geschlechterverhältnisse.
Videos von den Performances der Künstlerin, die über Kopfhörer im Originalton mitzuverfolgen sind, runden das Bild ihrer Arbeit ab. Besonders hervorzuheben sind hier die Performances The Secrets of Mary Magdalene, die im Jahr 2008 als Prozession in Jerusalem realisiert wurde, und The Symptom and the Cure, in der sich Elisabeth von Samsonow 2016 im Kunstraum Niederoesterreich narkotisieren ließ, um als abwesende Künstlerin den Zusammenhang zwischen Medizin und Kunst zu thematisieren.

Zur Schau erscheint im Kerber Verlag ein 288 Seiten umfassender, reich bebilderter Katalog mit Beiträgen von Elisabeth von Samsonow, Felicitas Thun-Hohenstein, der ehemaligen künstlerischen Leiterin der Zeit Kunst Alexandra Schantl und vieler anderer.
Die Ausstellung, in der sich Elisabeth von Samsonow als kluge, kritische und dabei humorvolle Künstlerin präsentiert, die auch einen Blick für die Ästhetik ihrer Werke hat, wird bis zum 16. Oktober 2016 in der Dominikanerkirche Krems zu sehen sein. Nach dem Ende des Bestehens der Zeit Kunst wird diese als ein Ort in Erinnerung bleiben, an dem zeitgenössische Kunst in einen spannenden Dialog mit mittelalterlicher Bausubstanz an der Wende von der Spätromanik zur Frühgotik getreten ist.

Text: MMag. Ursula Düriegl

30. Juni 2016

Johanniskraut - Sonne für unsere Seele

Johanniskraut @thinkstockphotos
Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) gehört zu den sogenannten „Sonnenkräutern“. Als solche werden jene Kräuter bezeichnet, die laut Volksmedizin die Heilkraft der Sonne in sich tragen und rund um die Sonnenwende zu blühen beginnen. Ob als Kranz in die Haare gebunden oder als Räucherwerk dem Feuer beigefügt: bei Sonnwendritualen darf das Johanniskraut nicht fehlen. Die Pflanze ist aber auch als „Wetterkraut“ bekannt und wird bei herannahendem Gewitter geräuchert. Ziel ist es stets das Unheil und mit ihm die Dunkelheit zu vertreiben. (vgl. Bader 2003: 104, Müller-Ebeling et al. 2011: 20, 63).

Traditionell wird das Johanniskraut ab dem 24. Juni - dem Johannitag - geerntet. Es ist also Zeit, dem lichtbringenden Heilkraut unsere Aufmerksamkeit zu schenken:
Inmitten der fünf goldgelben Blütenblätter wird der Fruchtknoten von bis zu 60 Staubblättern umrankt. Dieser Anblick hat bereits den Arzt und Kräuterheilkundigen Paracelsus dazu bewegt, das Johanniskraut mit der strahlenden und wärmenden Sonne in Verbindung zu bringen. Hält man die Blätter gegen das Licht, werden die zahlreichen „Tupfen“ sichtbar, die auch für den Beinamen „Tüpfel-Johanniskraut“ verantwortlich sind. Eine Legende besagt, dass der Teufel selbst so zornig über die Heilkraft des Johanniskrauts war, dass er Löcher in die Blätter stach (vgl. Müller-Ebeling et al. 2011: 74). Ein wesentliches Merkmal des echten Johanniskrauts ist der rote Saft der hervortritt, wenn die Knospen zerdrückt werden. Dieser Saft wurde von den Heiden als Blut des Sonnengottes Baldur angesehen, der sich zur Sommersonnenwende der Erde opferte. Mit dem Christentum wurde der rote Saft zum Blut des geköpften Johannes des Täufers (vgl. ebd.). Doch in der Literatur finden sich auch andere Geschichten und Legenden über das Johanniskraut. So wird an einer Stelle von einem Jäger erzählt, der den Hirsch mit seinem Pfeil verfehlte und stattdessen eine Elfe traf. Das Blut der Elfe tropfte auf eine gelbe Blume, die der Menschheit fortan bei der Heilung von Wunden behilflich war (vgl. Bader 2003: 104).

Johanniskraut @thinkstockphotos

Welcher Geschichte man auch Glauben schenken mag, die Verbindung zwischen dem roten Saft des Krautes und menschlichem Blut ist wiederkehrend. In der Heilkunde des Paracelsus wird der rote Saft dem Planeten Mars zugeschrieben und so das Johanniskraut zu einem wichtigen wundheilendem Kraut. Doch nicht nur in der traditionellen Medizin wurde das Johanniskraut zur Wundheilung eingesetzt. Das beliebte Johanniskraut-Rotöl, das aus den Blütenknospen gewonnen wird, wird auch heute noch zur Wundheilung auf die Haut aufgetragen, da ihm wundschlussfördernde und entzündungswidrige Eigenschaften nachgesagt werden. Doch auch bei Muskel- und Gelenksschmerzen, sowie Nervenentzündungen, Hexenschuss und Ischias kommt das Öl zum Einsatz. In der Frauenheilkunde wird das Öl von Hebammen sogar für die Dammpflege zur Geburtsvorbereitung empfohlen (vgl. Madejsky 2010: 135). Es wird jedoch stets davor gewarnt, sich während der (äußerlichen oder innerlichen) Anwendung von Johanniskraut direktem Sonnenlicht auszusetzen, da das Kraut phototoxisch wirkt und Hautirritationen hervorrufen kann. Diese Verbindung zur Sonne findet sich aber auch in der Heilwirkung des Krautes wieder. Vor allem in Bezug auf eine innerliche Anwendung, oder Räucherungen wird das Johanniskraut vielerorts als jenes Heilkraut bezeichnet, das die Sonne in die „finstersten Winkel der Seele“ (Müller-Ebeling et al. 2011: 63) bringt. So wird das Johanniskraut zu jenem Kraut, das Melancholie, Ängste und auch Depressionen in der dunklen Jahreszeit, mit seinem Licht bekämpft. Die Aufgabe des Johanniskrautes ist es, „die Seele zu erwärmen und Krankheiten zu ‚durchlichten’“ (Madejsky 2010: 135). Dies hat sogar die Schulmedizin erkannt und empfiehlt bei depressiven Verstimmungen in der dunklen Jahreszeit zur Stimmungsaufhellung die Einnahme von Johanniskraut-Dragees. Es scheint demnach kein Zufall zu sein, dass gerade dann, wenn die Tage wieder kürzer werden, ein Kraut zu blühen beginnt, das uns Licht und Wärme schenkt und uns mit Wärme und Schutz in die dunkle Hälfte des Jahres begleitet.
Johanniskraut @thinkstockphotos

Bis in den August haben wir nun Zeit das Johanniskraut zu ernten und uns mit seinen Heileigenschaften zu versorgen. Für das Rotöl werden die Blütenknospen geerntet, für Tee- oder Räuchermischungen das gesamte oberirdische Kraut. Wer möchte kann sich an so manche traditionelle Ernte-Empfehlungen halten und das Johanniskraut bei „Sonnenaufgang, der Sonne zugewendet, in der Morgendämmerung“ (Müller-Ebeling et al. 2011: 64) ernten und darauf achten, dass der zunehmende Mond im Zeichen des Löwen steht (vgl. Madejsky 2010: 136).

Text: Mag. Lena Weiderbauer

Literatur:
BADER, Marlies. 2003. Räuchern mit heimischen Kräutern. Anwendung, Wirkung und Rituale im Jahreskreis. Goldmann Verlag.
MADEJSKY, Margret. 2010. Lexikon der Frauenkräuter. Inhaltsstoffe, Wirkungen, Signaturen und Anwendungen. AT Verlag.
MÜLLER-EBELING, Claudia/RÄTSCH, Christian/STORL, Wolf-Dieter. 2011. Hexenmedizin. Die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst Schamanische Traditionen in Europa. AT Verlag.

27. Mai 2016

Ab ins Freie – Paradeiser auspflanzen

Paradeiser © Natur im Garten, Foto: Joachim Brocks
Die Eisheiligen haben wir erfolgreich hinter uns gebracht, ab jetzt dürfen die jungen Paradeispflanzen getrost ins Freie.

Sie lieben einen sonnigen und warmen Platz, etwa an der Südost- oder Südseite unter einem Dachvorsprung. Wer kein geschütztes Plätzchen zur Verfügung hat, kann ihnen auch im Beet ein Foliendach bauen. Denn Pilzkrankheiten wie Braunfäule breiten sich besonders gerne aus, wenn es feucht ist. Daher ist es wichtig, dass die Blätter gut abtrocknen können oder erst gar nicht nass werden.

Paradeiser sind Starkzehrer, das bedeutet, sie haben einen hohen Bedarf an Nährstoffen. Um diesen zu decken, eignen sich am besten Kompost und zusätzliche Dünger wie Brennnesseljauche oder handelsübliche organische Dünger.

Paradeiservielfalt © Natur im Garten,
Foto: Joachim Brocks
Beim Einpflanzen darauf achten, dass das untere Blattpaar knapp über der Erdoberfläche liegt, denn dann bildet die Pflanze zusätzliche Wurzeln aus.
Stützstäbe werden bei der Pflanzung gleich dazugesteckt. Vor allem, wenn die Tomaten im Vorjahr Krankheiten hatten, sollten die Stäbe vorher desinfiziert werden, damit Keime aus dem Vorjahr keine Chance haben. Verwenden Sie gewundene Stäbe, kann die Pflanze einfach „eingefädelt“ werden und muss nicht angebunden werden.
Abschließend wird der Boden rund um die Pflanzen noch gemulcht, zum Beispiel mit Grasschnitt oder Flachsschäben. Das schützt vor Austrocknung.
„Natur im Garten“ wünscht Ihnen eine gute Paradeiser-Ernte!





Aktion Natur im Garten

weitere Informationen:
www.naturimgarten.at
www.facebook.com/naturimgarten


Buchtipp aus der kurz&gut Reihe von „Natur im Garten“: 

Helga Buchter-Weisbrodt: Paradeiser im naturnahen Garten
Tomaten ziehen, ernten und genießen – die schmackhaftesten Sorten für den Hausgarten.
Kaum eine Art bietet so vielseitigen Genuss wie die Tomate. Vor allem für den Hausgarten gibt es in den letzten Jahren unzählige, wieder so richtig gut nach Tomaten schmeckende Sorten. Alle Liebhaber der runden Köstlichkeit finden in diesem Buch eine Vielzahl an Sorten beschrieben. Ausprobieren lohnt sich, denn die paradiesischen Früchte schmecken aus eigener Ernte gleich noch mal so gut.
ISBN 978-3-8404-8116-1, erhältlich z.B. bei http://naturimgarten-shop.at/

24. Mai 2016

Die letzten Tage: 2. Mai 1945 – 8. Mai 1945

Mittwoch, 2. Mai 1945

 
Im Westen Österreichs rückten französische und amerikanische Truppeneinheiten weiter vor. Die französische 5. Panzerdivision nahm ohne Widerstand Dornbirn und Lustenau ein. Auf wenig Widerstand stießen die amerikanischen Truppen im Bregenzerwald.
Heftige Kämpfe gab es dagegen am Fernpass; hier versuchte die 47. Jägerdivision der 44. US-Infanteriedivision den Zugang ins Inntal zu versperren. Am späten Nachmittag brach ihr Widerstand.
Abb. 1: Volksgasmaske. Waidhofen an der Ybbs, Museumsverein.

An der Ostfront verlief der Tag relativ ruhig. Gefechte gab es nur im Gebiet des Wechsels. Hier versuchte das Gebirgsjägerregiment 99 noch immer das Vordringen der Roten Armee in die Steiermark zu verhindern.
Das Oberkommando der Wehrmachte berichtete abends: „Aus dem Raum Füssen vorgehende amerikanische Kräfte wurden östlich Garmisch-Partenkirchen und bei Lermoos abgeschnitten. Zwischen Mur und Donau in der Ostmark hielt auch gestern die Kampfpause an.“

 

Donnerstag, 3. Mai 1945

 
Schon am Vortag hatte es heftig geregnet. In der Nacht hatte sich unter den Regen Schnee gemischt. Die Wolken hingen tief in die Täler hinein.
In Vorarlberg ging der Vormarsch der französischen Einheiten weiter; knapp nach Mittag nahmen sie Feldkirch ein. Der Widerstand war gering. Hinderlich waren nur die zahlreichen gesprengten Brücken, die Umwege nötig machten. In Tirol drangen amerikanische Truppen über den Zirler Berg in das Inntal vor. Eine beabsichtigte Falschmeldung im Rundfunk ermöglichte eine kampflose Einnahme Innsbrucks: Die Widerstandsbewegung hatte um 17 Uhr bekanntgegeben, dass ein Waffenstillstand in Kraft getreten war. An der Ostfront herrschte Ruhe. Die „Österreichische Zeitung“ – die „Frontzeitung“ der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee berichtete in ihrer in Wien erscheinenden Ausgabe: „Die 1. französische Armee ist nach der Einnahme von Friedrichshafen und Lindau nach Österreich vorgestoßen und hat Bregenz erobert.“

Freitag, 4. Mai 1945

Abb. 2: Waidhofen an der Ybbs in den letzten Kriegstagen.
Waidhofen an der Ybbs, Stadtarchiv
Das wichtigste Ereignis dieses Tages war wohl die kampflose Übergabe Salzburgs. Noch in der Nacht zuvor hatte Oberst Hans Lepperdinger den Befehl erhalten, Salzburg unter allen Umständen zu verteidigen. Die Lage in der Stadt war katastrophal. Die Stadt war von Flüchtlingen und Verwundeten überfüllt. Am Morgen hatte das in der Kaserne Glasenbach lagernde SS-Bataillon den Befehl erhalten sich hinter den Pass Lueg zurückzuziehen.
Um 6 Uhr verlautbarte Lepperdinger über den Rundfunk: „Mein ganzes Bestreben ging dahin, alle zuständigen Stellen von der Sinnlosigkeit einer Verteidigung der Stadt zu überzeugen Gestern Abend übernahm General von Borgkh den Befehl über meinen Abschnitt und befahl mir, Salzburg zu halten. Dieser Befehl stellt einen Wahnsinn dar, wie ihn nur militärische Unfähigkeit und menschliche Verantwortungslosigkeit gebären können. Ich habe mich daher entschlossen, diesen Befehl, an dem mich seit dem Tode des Führers kein Eid mehr bindet, nicht auszuführen. Ich erkläre die letzte deutsche freie Stadt zur offenen Stadt und biete den Amerikanern die Übergabe an.“

In Oberösterreich ging der Vormarsch der amerikanischen Truppen langsam voran. Sie rückten über Lambach und Fischlham Richtung Linz weiter vor. Wels und Vöcklabruck ergaben sich kampflos. In Niederösterreich gab es nur vereinzelte Kämpfe. In Enns meuterten die Soldaten, legten die Waffen nieder und traten für ein freies Österreich ein. Auch Zug- und Gruppenführer des nun schon seit Wochen am Wechsel liegenden Gebirgsjägerregiments 99 verließen ihre Einheit.   
 

In den letzten Wochen hatte der Wehrmachtsbericht immer erst zeitverzögert Niederlagen eingestanden gegeben. Der Bericht vom 4. Mai schilderte diesmal die Ereignisse zeitnah: „In Süddeutschland erzielten die Anglo-Amerikaner weitere Fortschritte. Entlang der Autobahn von München nach Osten vorgehend, besetzten sie Salzburg und drangen weiter in den Raum von Innsbruck vor. Innsbruck ging verloren. Zwischen Rosenheim und Passau erreichte der Gegner auf breiter Front den Inn, nahm Braunau und, von dort nach Osten vorstoßend, Ried und Wels. Südlich Linz wurde der Feind zum Stehen gebracht, nachdem er seine Spitzen weiter in den Raum Oberdonau vorgetrieben hatte.“ 

Samstag, 5. Mai 1945

Abb. 3: Reste der Geschütze zur Verteidigung 1945.
Waidhofen an der Ybbs, Museumsverein
Die Lage war verworren. Gerüchte über einen Waffenstillstand kursierten, wurden aber von offizieller Seite nicht bestätigt. Vom Westen drangen französische Truppen weiter Richtung Arlberg vor. Im Inntal stießen amerikanische Truppen immer wieder auf Widerstand. Um Linz wurde heftig gekämpft. Südlich der Donau erreichte das 20. US-Korps kampflos Enns. Aufklärungseinheiten drangen bis Steyr vor. Nördlich der Donau leisteten SS-Einheiten noch Widerstand. Vorrückenden Truppen der 11. US-Panzerdivision der 3. US-Armee erreichten Mauthausen; der Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Louis Haefliger, der sich seit wenigen Tagen in Mauthausen aufhielt, führte zwei amerikanische Panzerspähwagen ins Lager. Diese fuhren nach wenigen Stunden aber wieder ab. Erst am 7. Mai wurde das Lager von der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee unter dem Kommando des Colonel Seibel übernommen und endgültig befreit.
Heinz von Gyldenfeld, Generalstabschef der Heeresgruppe Süd, vermerkte an diesem Tag in sein Tagebuch: „Nachdem der Amerikaner in unserem Rücken bis an die Enns und nördlich der Donau zur Brücke von Mauthausen – also dicht vor unsere Tür – gekommen ist, machen wir mit dem Oberkommando wieder Stellungswechsel Richtung Osten und ziehen nach Waidhofen a. d. Ybbs in das Rothschild Chateau um.“

Sonntag, 6. Mai 1945

In Vorarlberg rückten die französischen Truppen weiter vor, ohne auf Widerstand zu stoßen; auch in Tirol schwiegen endlich die Waffen. Anders an der Enns. Hier leistete bei Ennsdorf eine deutsche Flak-Batterie noch immer heftigen Widerstand. Auch nördlich der Donau bei Grein konnte die 3. SS-Panzerdivision das Vordringen der 11. US-Panzerdivision noch eine Zeit lang verhindern.

Aufklärungseinheiten des 20. Korps drangen bis Waidhofen an der Ybbs vor. Dort lagerte zwar noch der Gefechtsstand der Heeresgruppe Süd: Gyldenfeld ließ aber kampflos die Panzersperren öffnen und begann mit Verhandlungen.

In der „Österreichischen Zeitung“ fand sich folgender Lagebericht: „Im Süden ist die Wehrmacht in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung. Alle deutschen Truppen haben, ebenso wie die italienisch-faschistischen Verbände, in Norditalien und Westösterreich kapituliert. Die Feindseligkeiten wurden eingestellt. Am Inn stoßen Alliierte auf einer 100 km breiten Front vor. Linz liegt schon im Bereich amerikanischer Geschütze. In Salzburg ist die Macht der Nazi gebrochen, die Stadtbesatzung hat sich ergeben. In Feldkirch sind französische Truppen eingedrungen. Linz ist von drei Seiten umfaßt und steht unter Artilleriefeuer, nachdem die Besatzung eine Kapitulation ablehnte.“  

Montag, 7. Mai 1945

Nachts um 2 Uhr 41 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Der Waffenstillstand sollte am 9. Mai, eine Stunde nach Mitternacht in Kraft treten. Ab 7. Mai 8 Uhr waren die Kampfhandlungen gegen die Amerikaner einzustellen. 
Abb. 4: Wegweiser nach Gresten.
Waidhofen an der Ybbs, Museumsverein

Zu diesem Zeitpunkt waren nur Teile Österreichs von alliierten Truppen besetzt. Kärnten, Osttirol, Salzburg-Land, fast die ganze Steiermark und das westliche Niederösterreich wurden noch von der Deutschen Wehrmacht gehalten. Diese versuchte sich nun Richtung Westen abzusetzen, um so der sowjetischen Gefangenschaft zu entkommen. So rückte die 6. SS-Panzerarmee in der Nacht Richtung Enns ab. Schwieriger war die Situation für die 8. Armee nördlich der Donau, da die Einheiten der Roten Armee mit Argusaugen jede Feindbewegung beobachteten. Mit Tieffliegern überwachten sie die Straßen.
Das Oberkommando der Wehrmacht berichtete: „Im Südabschnitt der Ostfront beschränkten sich die Sowjets auch gestern auf vereinzelte Aufklärungsvorstöße.“

Dienstag, 8. Mai 1945

In den frühen Morgenstunden feuerte die sowjetische Artillerie Flugblattgranaten auf die letzten deutschen Stellungen von Radkersburg bis zur Thaya: General Tolbuchin informierte damit über die am 7. Mai 1945 in Reims unterzeichnete Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und forderte die Generäle, Offiziere und Soldaten der Deutschen Wehrmacht am Südabschnitt der Ostfront zur bedingungslosen Kapitulation auf:

Ich stelle anheim:
1.      Allen deutschen Verbänden und Einheiten, geführt von ihren Generalen und Offizieren, am 8. Mai 1945 um 23:00 die Kampfhandlungen einzustellen und organisiert die Waffen zu strecken.
2.      Den Generalen und Offizieren am 9. Mai von Morgendämmerung und bis 9 Uhr früh mitteleuropäischer Zeit an die russischen vorderen Linien Offiziere mit weißer Flagge zu schicken, um Anordnungen zur Übergabe der Waffen und zur Gefangengabe der Truppen entgegenzunehmen.
3.      Sämtliche Waffen, Transportmittel, Nachrichtengeräte, Kriegsgut und Lebensmittel müssen den Vertretern des Kommandos der Roten Armee vollkommen unversehrt übergeben werden.
4.      Allen, die die Waffen strecken und sich gefangen geben, wird gemäß den völkerrechtlichen Bestimmungen über Kriegsgefangene Leben, Uniform, Auszeichnungen, persönliches Eigentum, regelmäßige Verpflegung, ärztliche Betreuung und Unterbringung in den Kriegsgefangenenlagern bis zum Zeitpunkt der Heimkehr garantiert.“
Abb. 5: Wegweiser nach Krems. Langenlois, Heimatmuseum
Aber nicht alle deutsche Truppenteile an der Ostfront gelangten in den Besitz dieser Flugblätter. Denn viele hatten bereits mit dem Rückzug Richtung Westen in den frühen Morgenstunden begonnen. Noch einmal kam es auch auf niederösterreichischem Boden zu schweren Gefechten, die vor allem von der 6. SS-Panzerarmee angezettelt wurden. Um Rohr in Gebirge sprengten sie alle Brücken. Im Bezirk Lilienfeld lagen Orte wie Türnitz, St. Aegyd am Neuwald, Annaberg und Hohenberg unter Artilleriebeschuss. Der Bezirk St. Pölten erlebte noch einmal Tieffliegerangriffe.
Auch nördlich der Donau flackerten immer wieder Gefechte auf. Dabei kam es auch zu schwerwiegenden Missverständnissen zwischen den Alliierten: Bei Aggsbach Markt lieferten sich US-Panzer und Sowjets irrtümlich ein Feuergefecht. In Krems sprengten deutsche Truppen die Donaubrücken und überließen die Stadt kampflos der Roten Armee. Noch der letzte Tag des Krieges forderte seine Opfer unter der Zivilbevölkerung: in Fels am Wagram starben sieben Zivilisten während eines Fliegerangriffs; in Rohrendorf kamen zwölf im Artilleriefeuer ums Leben. Die Lage im Weinviertel gestaltete sich nicht viel anders. Die restlichen Truppenteile der Deutschen Wehrmacht sprengten nahezu jede Brücke, um ihren Rückzug abzusichern. 

Im Westen Niederösterreichs stießen amerikanische Truppen vor. Amstetten wurde um 13 Uhr von der deutschen Wehrmacht geräumt; die ersten amerikanischen Jeeps standen schon auf dem Hauptplatz, da bombardierten sowjetische Flieger die Stadt. Auch Haag erreichte die US-Armee noch vor den Sowjets.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai trafen sich in Erlauf der sowjetische General Dmitri Dritschkin und der US-amerikanische General Stanley Reinhart und feierten gemeinsam den Waffenstillstand. Im Haus des Bürgermeisters legten sie die zukünftige Demarkationslinie fest, die entlang der Enns verlaufen sollte.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra, Kuratorin und Wissenschaftliche Leiterin Geschichte
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945. Wien 1969.
 
Mehr Informationen zur Ausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich"

 


 

13. Mai 2016

Leopold Kogler - Persönliche Perspektiven einer Vergangenheit


Leopold Kogler

"In den vergangenen 40 Jahren habe ich mich jeweils für einige Jahre auf ein spezifisches Genre konzentriert. Zu Beginn meines künstlerischen Schaffens war es die Auseinandersetzung mit fotografischen Elementen und diversen Schrifttypen. Wichtig war mir auch das Prozesshafte. Schon damals habe ich jeweils kleinere und größere Werkblöcke geschaffen. In diese ersten Jahre fallen auch die 'Mullbinden-Bilder', ein Versuch textile Strukturen zu erzeugen. Aus einem starken Bewusstsein für die damalige Richtung, Kunst ohne Künstler zu schaffen, habe ich mich vom Erkennbaren entfernt und bin immer abstrakter und komplexer geworden.


Leopold Kogler, Abendgewitter, 1982, 45x60cm, Aquarell auf Papier
Zu Beginn der 1980er Jahre kommt es zu einem Bruch mit dem Seriellen und es kommt die Farbe massiv ins Spiel. Ist es zuerst die Beschäftigung mit der Entgrenzung der Malerei aus starren Formaten, den sogenannten Reißbildern, beginne ich hin zur Landschaft zu wenden. Die Darstellungen sind nicht mehr oder nur kaum als Felder, Wälder und Seen zu erkennen. Alles beginnt sich aufzulösen in ein visuelles Feld, das von flammenden Bewegungen, glühenden Farben und einer Hektik beherrscht wird, die nicht mehr zum Stillstand kommen will. Hin und wieder werden auch Collageteile in die Malerei eingebunden und der Versuch Aquarell und pastose Acrylmalerei zu verbinden.



Leopold Kogler, Nachtschatten, 1995,
160x75cm, Öl auf Leinen
In großen Schüben entstehen in den 1990er Jahren vielteilige Kleinformate, die in Kassetten gelagert werden. Als Motiv nehme ich die Landschaft im Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Das ist auch der Ausgangspunkt für die ersten Horizonte-Bilder, die rund um 2000 entstehen.
Kennzeichnend für diese großformatigen Bilder ist eine typisch moderne Erfahrung. Ob die Umgebung aus einem schnell fahrenden Zug oder Auto oder von einem fixen Ort wahrgenommen wird, verändert die Sichtweise. Es geht hier nicht sosehr um die Natur an sich, sondern die Wahrnehmung der Landschaft.

Ich gehöre zur Generation von Malern, die mit der Diskussion über das Ende der Malerei aufgewachsen ist. Gerade weil sie immer im Hintergrund vorhanden war, habe ich mich nie einer bestimmten künstlerischen Tradition verpflichtet gefühlt. Für mich war Malerei ein unerschöpfliches Reservoir an Bildern, Stilen, Mentalitäten und Möglichkeiten.



Leopold Kogler, Folias, 2016, 40x30cm, Emulsion auf Karton
Ab Mitte 2013 habe ich ein Verfahren entwickelt, die sogenannten Naturfotogramme.
Diese vielteiligen Bilderserien wie „Folia“ basieren aus der Auseinandersetzung mit der Fotografie und lichtempfindlichen Emulsionen.
Einerseits geht es hier um den Formenreichtum der Natur aber auch um das Verknüpfen der Herkunft der Blätter. Sie kommen aus allen Erdteilen und werden hier zu einem Kosmos arrangiert. Hier verschwindet auch der emotionale Gestus."



Text:
HR MMag. DDr. Leopold Kogler
http://www.leopold-kogler.at/

Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich "Leopold Kogler - Quell. Eine Retrospektive" ist noch bis 31. Juli 2016 zu sehen

9. Mai 2016

Kriegsschauplatz NÖ: Die letzten Tage: 25. April – 1. Mai 1945

Mittwoch, 25. April 1945

Morgens war der Frühling mit strahlender Sonne und warmen Temperaturen zurückgekehrt. Für die Bevölkerung bedeutete dies allerdings wieder schwere Fliegerangriffe durch die US-Bomberflotte, die aufgrund der günstigen Wetterlage wieder von Foggia aufsteigen konnte. Ihre Ziele lagen diesmal in Oberösterreich. Linz erlebte seinen 23. Luftangriff: 360 Menschen starben.
An den Fronten in Niederösterreich herrschte gespannte Ruhe. Im Bezirk Mistelbach kämpften Deutsche und Sowjets um Oberschoderlee und Unterschoderlee, zwei Katastralgemeinden von Stronsdorf. Es gab fünf Tote unter der Zivilbevölkerung, acht ausgebrannte Objekte und neun beschädigte. Im Bezirk St. Pölten gab es ebenfalls nur kleinere Geplänkel: zwei Brücken wurden gesprengt, zwei Zivilisten getötet.
Im Industrieviertel blieb die Lage nahezu unverändert. Auf dem Plateau der Hohen Wand lagen nun schon seit dem 3. April Waffen-SS, Schüler der Wiener Neustädter Militärakademie (1938-1945 „Kriegsakademie“) und Volkssturm verschanzt und verteidigten den Raum. Schließlich mussten sie dem Druck der Roten Armee nachgeben und zogen sich in Richtung Miesenbach zurück. Pernitz fiel nach zweitägigem Häuserkampf in die Hände der Sowjets: 15 Häuser waren abgebrannt, 152 beschädigt, zwei Eisenbahnbrücken gesprengt.  

In St. Pölten forderte der von der Roten Armee eingesetzte Bürgermeister Günter Benedikt mit Wandanschlägen die Bevölkerung auf, bis zum 30. April alle nationalsozialistische Literatur, Anschläge, Kundmachungen, Journale usw. zu vernichten.
 
Plakat: Ein Kampf, ein Wille, ein Ziel:
Sieg um jeden Preis!
Waidhofen an der Ybbs, Stadtarchiv
© Stadtarchiv Waidhofen an der Ybbs

Donnerstag, 26. April 1945

Bis in den frühen Nachmittag hinein waren aufgrund der Wetterlage Luftangriffe möglich. Der Süden Österreichs erlebte eines seiner letzten schweren Bombardements, das rein taktischer Natur war: Ziel war diesmal wieder Lienz in Osttirol: Um 12:30 kamen die Bomber und warfen in dreimaligem Anflug ihre Bombenlast auf das Zentrum der Stadt ab. 16 Prozent des Gebäudebestandes waren nun zerstört.
An der Front in Niederösterreich kam es nur zu kleineren Kämpfen; im Bezirk Mistelbach etwa um Stronegg, einer weiteren Katastralgemeinde von Stronsdorf. In Furth an der Triesting gelang einer deutschen Einheit die Flucht vor einer Einheit der Roten Armee. Mehrere Zivilisten fanden den Tod. Grillenberg im Bezirk Baden wurde von den Sowjets besetzt.
Am Abend berichtete die Wehrmacht über die Lage in Österreich: „Im Südabschnitt der Ostfront beschränkte sich der Feind auf örtliche Angriffe; nordamerikanische Bomberverbände griffen wiederum Orte in der Ostmark an.


Freitag, 27. April 1945

Dieser Tag war für die Zivilbevölkerung einer der ruhigsten seit Wochen. Durch eine Wetterverschlechterung konnten die Bombereinheiten der US-Army die Alpen nicht überfliegen.
Im Wiener Becken nahm die Rote Armee den seit 4. April umkämpften Markt Piesting bei Wiener Neustadt ein. Die Bilanz: 16 tote Zivilisten, 16 Häuser zerstört, 24 schwer beschädigt, zwei Brücken gesprengt.
In Wien veröffentlichte die provisorische Regierung Österreichs unter der Führung von Dr. Karl Renner die Unabhängigkeitserklärung.
Zu diesem Zeitpunkt waren mehr als 2000 Stadt- und Ortsgemeinden im Burgenland, in Niederösterreich und der Steiermark von der Roten Armee besetzt.

Plakat: Hilf auch Du mit!
Waidhofen an der Ybbs, Stadtarchiv
© Stadtarchiv Waidhofen an der Ybbs

Samstag, 28. April 1945

Während an den Fronten im Osten einigermaßen Ruhe herrschte, überschritten im Westen Österreichs Einheiten der 103. amerikanischen Infanteriedivision die Tiroler Grenze zwischen Pfronten und Vils. In Niederösterreich gab es nur im Gebiet des Wechsels kleinere Gefechte zwischen Sowjetkräften und dem Gebirgsjägerregiment 99.
Obwohl die deutsche Luftaufklärung in Niederösterreich keine Einsätze mehr flog, begann die Rote Armee mit der Errichtung eines etwa 20 km tiefen Verteidigungssystems. Sie verlangten von der Zivilbevölkerung den Bau von Luftschutzeinrichtungen und Splittergräben, obwohl keine Angriffe der Deutschen Armee mehr zu erwarten waren. Was befürchteten sie? Wollten sie nun ihre Gebietseroberungen gegen die vom Westen vorrückenden britischen und amerikanischen Einheiten verteidigen?

Sonntag, 29. April 1945

Die Niederschläge, die seit dem Vortag angedauert hatten, hörten am Morgen auf.
In Vorarlberg und Tirol drangen Einheiten der US-Army und der französischen Armee weiter vor. Die Furcht der Alliierten vor der „Festung Vorarlberg“ und der „Alpenfestung“ erwies sich als unbegründet. Es gab wohl einen Festungsabschnitt „Nordtirol – Vorarlberg“, aber Truppen zur Verteidigung standen kaum zur Verfügung.
In Niederösterreich räumten Einheiten der SS-Division „Hitlerjugend“ die Stadt Berndorf, die sie seit 8. April verteidigt hatten. Mehr als 350 Häuser waren zerstört oder zumindest beschädigt, ca. 100 Zivilisten hatten den Tod gefunden. Im Weinviertel wurde Olgersdorf bei Asparn an der Zaya erobert. Die schwersten Kämpfe tobten im Frontabschnitt um den Hochwechsel.
Im Wehrmachtsbericht hieß es: „Auch gestern beschränkten sich die Bolschewisten im Südabschnitt der Ostfront auf örtliche Vorstöße.“  


Montag, 30. April 1945

In Westösterreich ging der Vormarsch der französischen 4. Panzerdivision in Vorarlberg bei Lochau und Bregenz weiter. Im Tiroler Außerfern gab es leichten Widerstand der dort noch liegenden deutschen Wehrmachtseinheiten. Im Mühlviertel überschritten Teile der 11. Panzerdivision als Spitze der 3. US-Army die Grenze bei Oberkappel und  Kollerschlag. General George S. Patton hatte den Auftrag, aus dem niederbayerischen Raum nach Südosten vorzustoßen und im Bereich der Enns-Linie Verbindung mit der Roten Armee aufzunehmen. In Niederbayern nördlich und südlich der Donau drangen das 12. bzw. das 20. amerikanische Korps vor.
In Niederösterreich gab es nur schwache Kämpfe: Eine kleine deutsche Einheit eroberte Ambach, eine Ortschaft in der Gemeinde Wölbling, zurück. Deutsche Jagdflieger kreisten über Wiener Neustadt und wurden von sowjetischen Flakstellungen bei Bad Schönau beschossen. Das Gebirgsjägerregiment 99 lag unter schwerem Artilleriebeschuss; man zählte rund 4000 Einschläge.
Der Wehrmachtsbericht lautete: „Im Südabschnitt der Ostfront hat sich die Lage gefestigt.

Aufstellung der Fliegeralarme in Langenlois 1939–1945
Heimatmuseum Langenlois © Elisabeth Vavra

Dienstag, 1. Mai 1945

Im Westen Österreichs hatten französische Truppen Bregenz eingenommen. Auf den Bergen fiel Schnee. In Tirol wurde von deutschen Truppeneinheiten der Fernpaß befestigt; dies hielt die US-Army aber nicht von einem weiteren Vordringen ab. Von Mittenwald und Garmisch aus drang das 6. US-Korps Richtung Innsbruck vor. In Niederbayern erreichte die Vorhut des 20. US-Korps den Inn: Brücken gab es nur mehr bei Tittmoning und Burghausen. Am Ufer bei Schärding bezogen 200 SS-Soldaten Stellung. Bei Braunau lagen 500 Mann in Stellung, verstärkt durch 500 Volkssturmleute und 300 Angehörige des Arbeitsdienstes. Die sieben Flakbatterien hatten kaum Munition. Als amerikanische Panzer gegen Mittag über den Fluss das Feuer eröffneten, brach Panik aus: Es setzte eine Massendesertion ein. Auch im Mühlviertel stießen die amerikanischen Panzer bei Schwarzenberg, Kollerschlag usw. nur auf schwachem Widerstand.
Die katastrophale Lage der noch verbliebenen Truppenteile an der Ostfront schildert ein Bericht des Gebirgsjägerregiments 99: „Ununterbrochene starke Angriffe auf 1. und 2. Bataillon, der artilleristische Aufwand übertrifft alles bisher Erlebte. Wir haben den Eindruck, der Russe möchte unter allen Umständen die Front sprengen. Unsere Artillerie schweigt, sie ist ohne Munition. Seit Wochen hat die Truppe keine Feldpost und kaum geregelte Verpflegung; im wesentlichen leben wir aus dem Lande.“    
Am Abend des 1. Mai berichtete das Oberkommando der Wehrmacht vom Tod Adolf Hitlers, dass es Selbstmord war, verschwieg man.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra, Kuratorin und Wissenschaftliche Leiterin Geschichte
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945. Wien 1969.

27. April 2016

Kriegsschauplatz NÖ: Die letzten Tage: 18. April – 24. April 1945

Mittwoch, 18. April 1945

In der Nacht auf Mittwoch gab es einen Warmlufteinbruch: Tagsüber stiegen die Temperaturen bis gegen 16 Grad. Allerdings brachte die Westströmung Wolken und Regen mit.
Im Marchfeld und im Weinviertel ging die Schlacht weiter. An den Flanken – im Osten bei Rabensburg und im Westen bei Korneuburg – war der Widerstand ungebrochen, in der Mitte der Front gelang der Roten Armee ein tiefer Durchbruch. Nach 5tägigem Kampf fiel Korneuburg endgültig in die Hände der Roten Armee. Unter den Straßen- und Häuserkämpfen und den unterstützenden Luftangriffen hatte die Zivilbevölkerung schwer gelitten: 117 Zivilisten waren getötet worden. Auch in Mistelbach tobten Straßenkämpfe. Altlichtenwarth fiel zunächst kampflos in die Hände der Roten Armee, wurde dann wieder von SS-Einheiten unter heftigen Kämpfen rückerobert – 50 Gebäude wurden total zerstört, 40 schwer beschädigt. In Rabensburg starben 13 Zivilisten, 65 Objekte zerstört, Brücken gesprengt. Im Raum St. Pölten gelang es der Roten Armee endlich Wilhelmsburg endgültig zu erobern. Im Gölsental wurde ein zäher Kleinkampf um jede Ansiedlung geführt, unterstützt durch wiederholte Fliegerangriffe.  

Gedenkstein auf dem Kriegergrab vor der Pfarrkirche in Rabensburg.
© Elisabeth Vavra
Am Abend meldete das Oberkommando der Wehrmacht wie immer einen geschönten Bericht der Ereignisse des Tages: „Im ostmärkischen Grenzgebiet wurden beiderseits Fürstenfeld, südöstlich Mürzzuschlag und bei St. Pölten wiederholte Angriffe der Bolschewisten abgewiesen, verlorengegangene Abschnitte zum Teil durch Gegenangriffe zurückgewonnen. Westlich der March vereitelten unsere Truppen nächtliche Durchbruchsversuche des Gegners bei Mistelbach und Zistersdorf.

Donnerstag, 19. April 1945

Wieder zeigte sich der April von seiner besten Seite: Sonnenschein und angenehme 18 Grad bestimmten das Wetter, das in krassem Gegensatz zur Situation in den Kampfgebieten stand.
Im Weinviertel eroberte die Rote Armee im Lauf des Tages zehn weitere Orte, um die schon seit Tagen gekämpft wurde: u. a. Asparn an der Zaya, Eibesthal, Siebenhirten, Ulrichskirchen, Altmanns, Frättingdorf. In Wilfersdorf waren die Auswirkungen der Kämpfe besonders verheerend: nach dreitägigem Artilleriebeschuss war ein Drittel des Ortes zerstört. Fast alle Brücken in der Region waren unpassierbar. Im Bezirk St. Pölten ging es in erster Linie um Frontverbesserungen. Die Sowjets nahmen Michelbach, St. Christophen, Stössing und Brand-Laaben ein. Das Laaben-Tal war 14 Tage lang Frontbereich gewesen und unter schwerem Artilleriefeuer gelegen. Dementsprechend schwer waren die Zerstörungen. Sogar das Schutzhaus am Schöpfl wurde getroffen und brannte ab Die deutschen Einheiten zogen Richtung Gölsental ab. 

Über die Stimmung in der Truppe schwieg natürlich die offizielle Berichterstattung; wie es um Moral und Einsatz tatsächlich stand, lässt sich aber aus einem Regimentsbefehl, der an diesem Tag veröffentlicht wurde, herauslesen: „Es ist leider Tatsache, daß die Haltung unseres jungen reichsdeutschen Nachwuchses, aber auch die mancher Älterer nicht mehr so ist, wie wir sie wünschen. Die Gründe hierfür sind bekannt. […] Es hat keinen Zweck, über Probleme der Zukunft zu grübeln; das belastet den einzelnen bloß, und gegenwärtige Stellungsprobleme werden dadurch nicht aus der Welt geschafft. Welche Auswirkungen die gewiß nicht schöne, aus dem täglichen Wehrmachtsbericht zu hörende allgemeine Lage auf die Front unseres Regiments haben wird, interessiert uns nicht. Wir haben nur eine Aufgabe: unsere Stellung zu halten; daß dies erfüllbar ist, haben wir bewiesen. Das muß jedem Soldaten eingetrichtert werden. Und über eines muß er sich noch im klaren sein: so gut wie hier beim Regiment und bei seiner bei seiner Kompagnie hat er nirgends mehr; hier hat er eine festgefügte Kameradschaft, hier hat er ein Daheim.“  

Freitag, 20. April 1945

Während in Deutschland seit Tagen die Schlacht um Berlin geschlagen wurde, konzentrierte sich an diesem Tag der Kampf in Niederösterreich ganz auf das Marchfeld und das Weinviertel. Artillerie, Flieger und Panzer lieferten sich um jeden einzelnen Ort einen heftigen Kampf. Dabei wurden 36 Ortschaften von der Roten Armee erobert, manche nach tagelangen Kämpfen, so Ameis, Bullendorf und Ebersdorf an der Zaya. Fallbach etwa fiel nach 18 Tagen. Um Ungerndorf – eine Katastralgemeinde von Laa an der Thaya – und den nördlich davon gelegenen Flugplatz der Deutschen Armee tobte eine Panzerschlacht. Dabei wurden 23 sowjetische Panzer abgeschossen. Die im Marchfeld und im Weinviertel liegenden SS-Einheiten konnten an vielen Stellen den Druck der vorrückenden Roten Armee nicht länger standhalten. Sie wichen Richtung Norden zurück in der Absicht, an der Thaya eine neue Befestigungslinie aufzubauen, um das Vorrücken der Roten Armee Richtung Prag und damit Richtung Berlin zu verhindern.

In der sanften Hügellandschaft des Weinviertels rund um Zistersdorf tobten tagelang die Kämpfe um die letzten noch funktionsfähigen Erdölförderanlagen. © Elisabeth Vavra
Südlich der Donau verlief dieser Tag relativ ruhig. Heftig umkämpft war nur Traisen; mehr als 100 Rotarmisten fielen, 40 Wohnhäuser, die Kirche und die Schule wurden zerstört.          
Nach Berlin wurde abends mit eintägiger Verspätung gemeldet: „Feind nahm Brand-Laaben sowie Hainfeld und erreichte die Linie Schöpfl – Nordrand St. Veit – Schwarzenbach. Sonst südlich der Donau nicht Neues, auch an der Donau keine Veränderungen. Nördlich davon Vorstoß aus dem Raum Mistelbach nach Norden mit 60 Panzern, eigene Linie durchbrochen.“
Der abendliche Wehrmachtsbericht spielte die Situation herunter: „Im Süden der Ostfront gewannen Gegenangriffe südlich des Semmerings gegen zähen Widerstand weiteres Gelände zurück. Bolschewistische Angriffe südostwärts St. Pölten brachten dem Gegner nur geringe Geländegewinne.“ 

Samstag, 21. April 1945

Der 21. April sollte der zweitwärmste des Monats werden. Die Temperaturen kletterten auf 21 Grad. Am Abend schlug das Wetter aber wieder um. Ein Kaltlufteinbruch brachte Niederschläge und einen Temperatursturz. Der Einsatz von Fliegern war dadurch behindert. Die Sowjets konnten aber immerhin in Niederösterreich Einsätze gegen Korneuburg, Mistelbach, Hollabrunn und südlich der Donau bis Melk und Amstetten fliegen.
Der Vormarsch der Roten Armee im Marchfeld und im Weinviertel ging unaufhaltsam weiter. In der hügeligen Region um den Buschberg stießen sie zwar auf Widerstand, der sie allerdings nicht lang aufhielt. Herrnbaumgarten und Katzelsdorf fielen nach vorangegangenen Fliegerangriffen kampflos in die Hände der Sowjets. Südlich der Donau blieb es verhältnismäßig ruhig. Die Kämpfe konzentrierten sich auf einzelne Orte etwa im Triesting-, Gölsen- und Traisental. In Kaumberg wurden bei Infanteriekämpfen 23 Häuser durch Brand zerstört, die Bahnanlagen wurden gesprengt.          
„Österreichische Zeitung“ vom 15. April 1945
© Elisabeth Vavra

In der seit dem 15. April 1945 von der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee als „Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs“ herausgegebenen „Österreichischen Zeitung“ hieß es: „Die Befreiung Österreichs geht in mehreren Richtungen vor sich. Alle Versuche der Deutschen, sich in geeignetem Verteidigungsgelände festzuklammern scheitern immer wieder. Nach der Einnahme Wiens dringt die Rote Armee in Richtung Linz unaufhaltsam vor, schon sind Korneuburg, St. Pölten, Herzogenburg und eine große Zahl von Ortschaften genommen. Von besonderer Bedeutung ist die Einnahme von Zistersdorf, der letzten Reserve Deutschlands betreffs Ölversorgung. Ebenso unaufhaltsam ist der Vormarsch der roten Armee in Richtung Graz, Fürstenfeld ist schon gefallen; die Anmarschwege nach Graz sin bereits unter Kontrolle der Roten Armee.

Von 1945 bis 1955 gehörten die Erdöl- und Erdgasförderanlagen wie andere Schlüsselindustrie zu den USIA-Betrieben (Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich). Nach dem Abschluss des Staatsvertrages ging der Erdölkomplex in den Besitz der Republik Österreich über. Als Ablöse sollten 10 Mio. Tonnen Rohöl im Wert von rund 200 Millionen Dollar nach Russland geliefert werden. Die letzte Lieferung erfolgte 1963/64. Die Sowjetunion begnügte sich schließlich mit 6 Mio. Tonnen. © Elisabeth Vavra

Sonntag, 22. April 1945

Das Schlechtwetter hielt an. Die Niederschläge nahmen zu. Über 800 Meter fiel wieder Schnee. Der durch den starken Regen aufgeweichte Boden erschwerte besonders im Marchfeld den Angriff der Sowjets und der Rückzug der Deutschen Armee. Ort um Ort fiel in die Hände der Roten Armee: Altruppersdorf, Neudorf, Staatz, Gaubitsch, Loosdorf usw.; bereits am 19. und 20. April hatte ein sowjetischer Tieffliegerangriff  Zlabern und Wildendürnbach schwere Zerstörungen zugefügt. Dabei starb auch ein Kind. Kampflos fielen an diesem Sonntag Neuruppersdorf, Ottenthal, Schrattenberg, Steinebrunn, Drasenhofen usw. Die Front erreichte den Bezirk Hollabrunn: Die Kirche in Enzersdorf im Thale wurde bei den Kämpfen 54mal getroffen.
Südlich der Donau ging der Stellungskrieg in den Tälern weiter: Nach 14 Tagen wurde Altenmarkt an der Triesting von den Sowjets endlich besetzt. In Neuhaus, das in den letzten Tagen ständig seinen Besitzer gewechselt hatte, waren fast sämtliche Häuser zerstört. Thenneberg war nun von drei Seiten umzingelt. Ein ähnliches Los widerfuhr Eschenau, in einem Seitental der Traisen gelegen. Um das kleine Bauerndorf wurde drei Tage gekämpft: 19 Bauernhöfe brannten nieder.  
Im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht konnte man lesen: „Im Süden der Ostfront sind unsere Gegenangriffe südlich des Semmerings in gutem Fortschreiten. Die Bolschewisten versuchen, südöstlich St. Pölten vergeblich nach Süden Boden zu gewinnen.

Montag, 23. April 1945

Das Wetter blieb schlecht: Es war kalt, regnerisch und stürmisch. Selbst im Marchfeld lag die Wolkenuntergrenze bei 1200 Meter. Fliegereinsätze waren für beide Seiten nur in den Mittagsstunden möglich.
Die Fronten waren festgefahren. Langsam erlahmten auch die Kräfte der Roten Armee. Obergänserndorf, Kirchstetten und Michelstetten fielen – dann stand die Front still. Obergänserndorf war in den Tagen davor dreimal durch sowjetische Flieger angegriffen worden. 70 Objekte wurden von Brandbomben getroffen. Die Kämpfe um Michelstetten dauerten drei Tage, 70 Prozent der Häuser wurden dabei zerstört. Auch ein Kind starb im Bombenhagel.   
Auch südlich der Donau stagnierten die Kämpfe. Nur im Triestingtal blieb die Front in Bewegung. Hainfeld wurde endlich von der Roten Armee eingenommen: 62 Wohn- und Geschäftshäuser waren nur mehr Ruinen, ebenso 14 Bauernhäuser. Hainfeld war damit neben Wiener Neustadt prozentuell die schwerst betroffene Stadt Niederösterreichs. Manche Orte, wie Pottenstein, lagen seit Monatsbeginn im Frontverlauf. In Pottenstein fielen im wochenlangen Kampf 140 bis 150 deutsche Soldaten, 69 Zivilisten fanden den Tod. 50 Wohnhäuser, das Gerichtsgebäude und die Tuchfabrik brannten ab.
Im abends veröffentlichten Wehrmachtsbericht hieß es dann: „Im ostmärkischen Grenzgebiet gewannen unsere Gegenangriffe im Frontbogen südlich des Semmerings weiter Boden. Südöstlich St. Pölten drückte der Gegner vergeblich gegen denselben Abschnitt nach Süden. In den Kampfabschnitten nordwestlich Mistelbach scheiterten erneute Durchbruchsversuche der Bolschewisten nach harten Kämpfen.

Dienstag, 24. April 1945

Selbst in der Ebene wechselten Regen- mit Schneeschauern ab. Es blieb kalt und unwirtlich.
Noch in der Nacht hatte die Rote Armee Merkersdorf bei Ernstbrunn eingenommen. Ihr Ziel war Laa an der Thaya, das in den kommenden Tagen von der 8. Armee noch zäh verteidigt werden sollte.
Im Wienerwald und südlich davon zogen sich die deutschen Einheiten immer weiter zurück. Nach wochenlangen Kämpfen räumten sie Alland, das seit 6. April in der Kampfzone gelegen war: 41 Häuser, die Kirche und die Schule waren zerstört, die Brücken über die Schwechat gesprengt. Auch Weißenbach an der Triesting wurde geräumt. Die Rote Armee besetzte kampflos Miesenbach, Muggendorf und Waldegg.    
Abends hieß es dann im Wehrmachtsbericht: „Im Frontbogen südlich des Semmering warfen unsere Truppen die Sowjets noch weiter zurück und wiesen Angriffe bei Altenmarkt und Traisen ab. Zwischen Laa a. d. Thaya und Nikolsburg konnte der Feind keine nennenswerte Erfolge erzielen; in diesem Kampfabschnitt wurden 52 Panzer abgeschossen.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra, Kuratorin und Wissenschaftliche Leiterin Geschichte
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945. Wien 1969.